Thursday, 29. november 2012
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Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich es mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, Altersklasse oder wirtschaftlichem Background zu tun habe. Ich behaupte, dass auch mein Verwandtschafts- und
Bekanntschaftskreis diesbezüglich weit gefächert ist. Dennoch eint viele dieser Menschen etwas, das ich mir einfach nicht recht erklären kann:
Das Bedürfnis, sich für teuer Geld Dinge zu kaufen, die sie nicht benötigen.
Ich rede jetzt nicht von den wenigen Prozent derer, die einfach genug Asche haben und sich deshalb aus Langeweile jeden Kram leisten können und auch leisten. Solange sich diese Menschen ihrer
sozialen Verantwortung bewusst sind (zur Erinnerung: Eigentum verpflichtet) sollen sie sich den lieben langen Tag all den Schnick-Schnack gönnen, den sie für ihr Wohlbefinden, ihr Ego oder
Prestige benötigen. Bitte sehr, geschenkt! Aber an all jene da draußen, und damit meine ich mit Sicherheit die Mehrzahl der Menschen, erklärt mir Euer Phänomen, denn ich verstehe es nicht!
Ich habe mich ja mittlerweile daran gewöhnt, dass sich sogar jede 85-jährige Oma ihr iPhone5 2cm dicht vor die Brillengläser hält, um im Regen stehend den Wetterbericht anzuklicken, damit ihr
Telefon ihr verrät, dass sie den Schirm ruhig aufspannen kann, weil sie tatsächlich grad nass wird. Das Mobiltelefon, so ist es oft zu lesen, hat das Auto als Statussymbol abgelöst. Das heißt, wo
sich damals der Nachbar über Jahre hinweg verschuldete, um einem zu zeigen, was er doch für ein toller Hecht ist mit seinem Golf GTI, der ihm in vielen Jahren sogar tatsächlich irgendwann gehören
wird, der Nachbar heute sein Mobiltelefon zückt, für den er sich neben dem Kaufpreis jenseits der 600€ einen 24-Monats-Vertrag für 60,00 € monatlich hat aufschwatzen lassen, weil er sich ja gar
nicht mehr vorstellen kann, seine Whatsapp-Nachricht („Schnürzelchen, bringst Du Butter mit?“) ohne LTE-Verbindung abzurufen. Von mir aus!
Aber, müssen es denn jetzt auch noch die 350,00 € Kopfhörer von irgend so einem Rapper-Produzenten sein? Also, dass ich finde, dass die nicht einmal gut aussehen, lasse ich hier mal bewusst weg,
aber soviel Geld für ein paar KOPFHÖRER? Was ist mit den anderen gefühlten 350.000 verschiedenen Modellen im Technikmarkt, die allesamt nur einen Bruchteil kosten, nicht in Ordnung? Klingt auf
denen mein Lieblingslied etwa wie ein Kratzen auf einer Schultafel oder ein Besteckquietschen auf dem Teller? Also meine Theorie ist ja, dass das Logo auf diesen Kopfhörern eigentlich für
„bescheuert“ steht, weil mich echt was gebissen haben muss, fast die Monatsmiete einer kleinen Wohnung für Kopfhörer (!) auszugeben. Als ob „Call me maybe“ auf denen plötzlich erträglicher
klingt.
Nicht zu vergessen an dieser Stelle die Outdoorjacken a la Wolfskin, North Face, Mammut & Co. Ich bin mir sicher, dass ich in einer solchen Survivor-Outdoor-Jacke schwitzend durch die
Antarktis robben kann, mich der sibirische Winter nicht juckt und die Struktur der jeweiligen Jacke sogar Kleinkalibergeschosse abwehren kann. Aber da ich weder in der Antarktis, noch in Sibirien
wohne und ich - toi, toi, toi - auch keine Attentate auf meine Person erwarte, ist so eine Jacke doch vollkommen übertrieben und im Verhältnis Kosten/Nutzen doch hoffnungslos überteuert!
Natürlich will ich niemanden in die Arme der Textilausbeuter treiben, die ihre Billigkleidung auf dem Rücken asiatischer Fabrikarbeiter/innen anbieten, aber um Himmels Willen, es muss doch
irgendetwas in der Mitte geben!
Fangen wir gar nicht erst an, von den SUVs zu reden, bei denen ich mich immer frage, warum es denn 260 PS und Allradantrieb sein müsen, wenn man mitten in einer Großstadt lebt und allein 40,00 €
Benzin für die Parkplatzsuche seines Ungetüms zahlen muss. Ich bin mir sicher, dass man mit einem solchen Gefährt den Everest einfach hochfahren kann und man im Falle eines Verkehrsunfalls nicht
mal bemerkt, dass sich ein Smart zwischen Reifen und Karosserie gequetscht hat. Aber wofür das Ganze?
Und reden wir auch nicht über diese überteuerten Ami-Mode-Hipster-Marken, in denen man offenbar nur arbeiten darf, wenn man unter 22 ist und der BMI plus IQ keine dreistellige Zahl ergibt. In
diesen Läden „duftet“ es dann nach der eigenen Parfüm-Kreation und es ist dort so dunkel, dass man kaum erkennen kann, dass die Verkäufer tatsächlich 65€ für ein T-Shirt verlangen, bei dem der
Firmenname mit alten Stofflappen unsauber auf die Front genäht wurde. Aber wer jetzt erwartet, dass die Leute sich an die Stirn tippend empört den Laden verlassen, weit gefehlt, es gibt Schlangen
vor diesen Läden, weil die Leute da rein (ja, rein, nicht raus!) wollen.
Das sind die gleichen Experten, die sich für ihr Apfelgerät zwei Tage vor dem Verkaufsstart in eine Schlange stellen, um als erster eines zu „ergattern“. Als ob es sich bei diesen Geräten um
Einzelstücke oder eine limited Edition handeln würde. Ja, das gibt es wirklich! Erwachsene Menschen, die sich in eine Reihe stellen, 48 Std. in der Kälte ausharren, um sich ein überteuertes
TELEFON zu kaufen!
Vergessen wir natürlich auch nicht, dass die Leute anscheinend genug Geld haben, um sich ihren verbrannt schmeckenden Becherkaffee (single-medium-Latte-Caramel-flavour) für schlappe 4,50 € zu
leisten. Für KAFFEE!!!
Also wenn ich betrachte, wie viel Geld die Hersteller der genannten Dinge verdienen, kann man beruhigt sein, dass es den Leuten offensichtlich nicht so schlecht gehen kann. Nur schade, dass
dieses offenbar verfügbare Geld nicht in bessere Dinge investiert wird.
AUTOR: Giorgio Forliano
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